Welche Folgen hat die Leitzinssenkung durch die EZB?

Welche Folgen hat die Leitzinssenkung durch die EZB? 

Kürzlich hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins ein weiteres Mal gesenkt. Lag der Leitzins mit 0,25 Prozent ohnehin schon auf einem sehr niedrigen Niveau, hat er nun durch die erneute Senkung mit 0,15 Prozent einen historischen Tiefstand erreicht.

Gleichzeitig hat die EZB den Einlagensatz auf weniger als 0 Prozent festgelegt, konkret liegt der Einlagensatz bei minus 0,1 Prozent.

Der Einlagensatz ist der Satz, zu dem Banken kurzfristig Geld bei der Notenbank anlegen können. Möchten Banken ihr Geld zeitweise bei der EZB parken, bekommen sie dafür also künftig keine Zinsen, sondern müssen draufzahlen. Diese beiden Entscheidungen der EZB werden für Banken, Unternehmen, Anleger und Kreditnehmer nicht ohne Konsequenzen bleiben, auch wenn die Auswirkungen sicher erst mit zeitlicher Verzögerung eintreten werden.

Was die Leitzinssenkung durch die EZB konkret bedeutet,
erklärt die folgende Übersicht:
 

Die Auswirkungen der Leitzinssenkung für Anleger und Sparer

Der Zinssatz, der für sichere Geldanlagen wie Sparbücher oder Tages- und Festgeld gewährt wird, ist schon seit einiger Zeit niedriger als die Inflationsrate. Gleichzeitig können sich Banken und Sparkassen jetzt sehr, sehr günstig Kapital bei der EZB beschaffen. Die Folge davon ist, dass die Geldhäuser kaum noch auf die Einlagen von Kunden angewiesen sind. Für Anleger und Sparer bedeutet das, dass sie in Zukunft mit einer noch niedrigeren Verzinsung ihres Geldes rechnen müssen.

Derzeit liegt die Inflationsrate zwar bei nur knapp einem Prozent. Allerdings ist der Zinssatz für beispielsweise Tagesgeld oft nicht viel höher. Selbst wenn der Sparer sein Geld für einen Zeitraum von drei Jahren sicher anlegen möchte, wird er kaum Angebote finden, die Zinsen von mehr als 1,5 Prozent bieten. Mit den meisten sicheren Geldanlagen ist deshalb derzeit allenfalls möglich, die Inflation auszugleichen.

Mitunter drohen sogar reale Verluste, nämlich dann, wenn der Nominalzins der Geldanlage niedriger ist als die Inflationsrate. Je nach Risikobereitschaft des Anlegers kann es durchaus sinnvoll sein, über andere Anlageformen nachzudenken. Wer unbedingt bei einer sicheren Geldanlage bleiben möchte, wird nur dann von höheren Zinsen profitieren können, wenn er sein Geld mit einer langen Laufzeit fest anlegt.

Das bedeutet dann aber auch, dass der Anleger erst in einigen Jahren wieder über sein angelegtes Kapital verfügen kann. Eine andere Möglichkeit wäre, sein Geld kurzfristig anzulegen, beispielsweise als Tagesgeld oder als Festgeld mit kurzer Laufzeit, und darauf zu hoffen, dass die Zinsen bald wieder steigen. Ob und wann sich diese Hoffnungen erfüllen werden, kann aber niemand mit Gewissheit sagen. Wer auf einen Teil seines Geldes verzichten kann und trotzdem flexibel bleiben möchte, kann sein Kapital aufteilen und in einen Mix aus kurz- und langfristigen Anlagen investieren.   

Die Auswirkungen der Leitzinssenkung auf Geldanlageprodukte

Ob und welche Folgen die Leitzinssenkung durch die EZB auf Geldanlagen hat, hängt von dem Produkt ab:  

·         Anleihen setzen Staaten, Banken und Unternehmen ein, um damit Investitionen zu finanzieren. Auf den Zinssatz von Anleihen könnte sich die Leitzinssenkung durchaus auswirken. So ist beispielsweise denkbar, dass ein Staat oder ein Unternehmen in Zukunft niedrigere Schuldzinsen bezahlen muss.

Für den Anleger ist bei Anleihen aber nicht der Zinssatz, sondern das Emittentenrisiko der entscheidende Faktor. Das Emittentenrisiko bezeichnet das Risiko, dass der Anleger sein investiertes Geld komplett verlieren könnte, wenn der Emittent zahlungsunfähig werden sollte. Der Anleger ist deshalb gut beraten, wenn er genau prüft, in wen oder was er investiert. Generell gilt außerdem, dass zusammen mit dem Zinssatz immer auch das Risiko steigt.

·         Aktien werden von der Senkung der Leitzinsen nur indirekt beeinflusst. Ziele von einer Leitzinssenkung sind unter anderem, die Wirtschaft anzukurbeln und durch günstige Kredite Investitionen zu ermöglichen.

Dies kann dazu führen, dass ein Unternehmen höhere Gewinne erzielt oder überhaupt wieder auf die Beine kommt. Folglich können dann auch die Aktienkurse steigen. Umgekehrt kann es aber auch passieren, dass der erhoffte Effekt nicht eintritt und die Kurse einbrechen. Insgesamt sind Aktien dennoch eine sehr interessante Geldanlage, die höhere Renditen verspricht als andere, vermeintlich sicherere Anlageprodukte.  

·         Lebens- und Rentenversicherungen investieren einen Großteil ihres Kapitals in Anleihen, die in Euro notieren. Kaufen die Versicherer nun neue Anleihen, erhalten sie dafür möglicherweise niedrigere Zinsen als früher. Niedrigere Zinsen wiederum führen aber dazu, dass auch die Versicherungsnehmer mit niedrigeren Erträgen rechnen müssen.

·         Gold bringt keine Zinsen oder Dividenden. Stattdessen ergeben sich dann Erträge, wenn der Goldkurs steigt. Der Goldkurs notiert in US-Dollar. Ob der Anleger Gewinne oder Verluste macht, hängt somit davon ab, wie sich der Goldkurs und der Wechselkurs zwischen Euro und US-Dollar entwickeln.    

Die Auswirkungen der Leitzinssenkung für Kreditnehmer

Hat der Kreditnehmer ein Darlehen mit festem Zins abgeschlossen, bleibt für ihn alles so, wie es ist. Die Zinsen, die für den Kredit fällig werden, wurden fest und verbindlich vereinbart. Die Leitzinssenkung durch die EZB ändert daran nichts.

Hat der Kreditnehmer hingegen ein Darlehen mit variablen Zinsen abgeschlossen oder läuft seine Zinsbindung in Kürze ab, könnte er von der Leitzinssenkung profitieren. Dies wäre dann der Fall, wenn sein Kreditinstitut auf das gesunkene Marktzinsniveau reagiert und die Kreditzinsen nach unten korrigiert. Wann ein Kreditinstitut die Kreditzinsen senkt und ob überhaupt, bleibt allerdings seine Entscheidung.

Bei Dispositionskrediten könnte die Leitzinssenkung recht bald spürbar werden. Banken und Sparkassen koppeln die Höhe der Zinsen für Dispositionskredite nämlich an einen Referenzzins. Bei diesem Referenzzins kann es sich beispielsweise um den Euribor oder um einen Leitzins der EZB handeln. Ändert sich der Referenzzins, müssen Banken und Sparkassen auch die Dispozinsen zeitnah anpassen. Allerdings gilt dies nicht für jede Änderung. Meist haben Banken und Sparkassen in ihren Bedingungen nämlich eine sogenannte Anpassungsschwelle festgelegt.

Die Anpassungsschwelle beschreibt, um wie viel sich der Referenzzinssatz mindestens ändern muss, damit diese Änderung an die Kunden weitergegeben wird. Bleibt die Änderung des Referenzzinssatzes unter der Anpassungsschwelle, müssen die Dispozinsen nicht angepasst werden. Doch selbst wenn die Zinsen für Dispositionskredite infolge der Leitzinssenkung günstiger werden sollten, bleibt der Dispositionskredit der mit Abstand teuerste Kredit. Als längerfristige Lösung eignet er sich deshalb nicht. 

Die Auswirkungen der Leitzinssenkung für Immobilienkäufer

Wer darüber nachdenkt, in eine Immobilie zu investieren, kann möglicherweise von der Leitzinssenkung profitieren. Die Zinsen für Immobiliendarlehen sind schon seit einiger Zeit sehr niedrig und es ist durchaus möglich, dass sie infolge der erneuten Leitzinssenkung noch weiter sinken. Trotzdem sollte ein Hauskauf auf keinen Fall voreilig erfolgen.

Eine Immobilie ist keine Kleinigkeit und wegen der hohen Darlehenssumme ist eine Baufinanzierung üblicherweise auf mehrere Jahrzehnte ausgelegt. Wer keinerlei finanzielle Puffer hat und auch sonst eher knapp bei Kasse ist, tut sich mit einem Immobilienkauf keinen Gefallen, egal wie niedrig die Zinsen sind. Steht die Finanzierung auf einem soliden Fundament, ist es ratsam, mehrere Varianten durchzurechnen, etwa verschiedene Tilgungsraten, Angebote mit und ohne Sondertilgungen sowie Darlehen mit unterschiedlich langen Zinsbindungsfristen.

Wer bereits einen Baukredit abgeschlossen hat, für den gilt dasselbe wie für einen normalen Kreditnehmer.

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